Unser Menschenbild

Sich selber sein –
in Beziehung sein

Unser Menschenbild

 
Wichtig für unser Verständnis vom Menschen sind dessen Bedürfnisse nach Beziehung und nach Entfaltung seiner Möglichkeiten. Die Entwicklung des Menschen wird von klein auf von seinen Erfahrungen beeinflusst – im Guten wie im Schlechten. Sie prägen sein Selbstbild, sein Lebensgrundgefühl und sein künftiges Verhalten, beeinflussen den Aufbau neuer Beziehungen und den Umgang mit Schwierigkeiten.

Wir Menschen haben von der Geburt an das Bedürfnis Beziehungen zu schaffen und zu gestalten.
Wir möchten uns zugehörig fühlen zu Mitmenschen und zur Umwelt. Beziehungen geben uns das Gefühl von Verbundenheit, von Getragen sein und stärken unseren Selbstwert.
Zum Menschsein gehört nach unserer Vorstellung der Wunsch, sich zu entfalten und die eigenen Potentiale zu entwickeln und so als einzigartige Person akzeptiert und geliebt zu werden. Dies führt zu Selbstvertrauen, Selbstachtung und Selbstliebe. Es stärkt das Vertrauen in die eigene Wirkkraft und das Gefühl von Lebenssinn.

Ein weiterer wesentlicher Beitrag zu unserem Verständnis des Menschen ist die Erkenntnis der Entwicklungspsychologie, dass jeder Mensch im Aufbau seiner Persönlichkeit während der Kindheit und der Jugendzeit die gleichen psychischen Entwicklungsphasen durchlebt. In jeder dieser Phasen werden jeweils ganz spezifische psychische Fähigkeiten entwickelt, welche in die wachsende Persönlichkeit integriert werden müssen. Wie ein Kind diese Phasen durchläuft, trägt wesentlich zur Gestaltung seiner Persönlichkeit bei, je nach dem, ob es bei diesen phasentypischen Entwicklungsschritten mehr förderliche oder mehr hinderliche Erfahrungen macht.

Die eigene Herkunftsfamilie, v.a. die Paardynamik der Eltern, vermittelt die wesentlichen Beziehungsmuster und -vorstellungen für den Umgang mit sich und anderen. Jede Familie besitzt hier ihr eigenes Regelwerk. Es bestimmt das Verhalten und die Identität jedes Mitglieds und weist ihm seine Rolle in der Familie zu. Deshalb hat auch jede Familie ihre eigene Vorstellung von Liebe. Belohnt wird, wer den jeweiligen Erwartungen der Familie entspricht. Sanktioniert und mit Liebesentzug bestraft wird, wer diese Erwartungen nicht erfüllt.

Überall dort, wo das Kind in seinen Bedürfnissen nach Eigenheit und Beziehung nicht wahrgenommen oder in seiner Entfaltung behindert wird, entstehen seelische Verletzungen, Enttäuschungen, Ängste, Trauer, Wut bis hin zu Schuldgefühlen, welche das eigene Sein in Frage stellen. Diese seelischen Verletzungen bilden einen typischen, eigenen Grundschmerz. Unter Grundschmerz verstehen wir die frühen negativen Gefühle, denen ein Kind in seinen ersten Lebensjahren ausgeliefert ist. Die Art und Intensität dieser Gefühle sind wesentlich geprägt davon, wie stark das Kind ein eigenes Wesen innerhalb der Beziehungen zu seinen Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen entwickeln konnte. Von seinen Vorbildern in der Familie lernt das Kind auch die entsprechenden Beziehungs- und Verhaltensmuster, mit denen es diese bedrohlichen Gefühle abwehren kann.

Mit diesen erlernten und unbewusst wirkenden familiären Beziehungsmustern und der dazu gehörigen Liebesvorstellung werden auch die erwachsenen Beziehungen gestaltet. Diese bestimmen weitgehend, welche Vorstellung man sich von Anderen macht und welche Erwartungen man an sie stellt.

Bei der Partnerwahl wird oft unbewusst ein Partner / eine Partnerin mit ähnlichen Familienmustern oder ähnlichem Grundschmerz ausgewählt. Das schafft zum einen eine grosse Vertrautheit und das Gefühl von Verliebtheit und kann helfen die Beziehung zu vertiefen. In belastenden Situationen oder nach einer gewissen Beziehungsdauer kann das aber auch dazu führen, dass durch die Wiederholung alter Beziehungsmuster auch die alten, schmerzhaften Gefühle wieder angesprochen werden. Die Folge können Enttäuschungen und gegenseitige Anklagen sein.

Die mit dem Auftreten von Konflikten und Krisen verbundenen Gefühle und Körpersymptome sind für uns Therapeuten Anzeichen, dass frühere, grundlegende Schmerzen und Verletzungen reaktiviert wurden, dass die erlernten Beziehungs- und Verhaltensmuster zur Bewältigung nicht mehr genügen und neue Strategien und Wege gefragt sind. Krisen können demnach eine Chance sein, alte, behindernde Beziehungs- und Verhaltensmuster weiter zu entwickeln, Entwicklungsblockaden zu überwinden und so mehr Autonomie, Beziehungsfreude und Lebensqualität zu gewinnen.